Wanderung auf den Fengari

Vorweg: Diese Wanderung ist für mich das Größte aber auch Anstrengendste, was ich bis jetzt in Bezug auf Wandern gemacht habe. Schließlich sitze ich die meiste Zeit vor dem PC und schreibe Internetseiten wie diese. Und mit fast 50 Jahren bin ich eben auch nicht mehr im besten Alter. So ist es zumindest für mich nicht verwunderlich, wenn ich für diese Wanderung 12 Stunden gebraucht habe. Diese Beschreibung kann Sie aufmuntern es auch einmal zu wagen, aber auch endgültig davon abhalten, diesen Berg zu erklimmen.
Ich empfehle Ihnen, die Seite auszudrucken damit Sie sie in Ruhe lesen können. Sie ist mit rund 2 DIN A4 Seiten Text und 12 Fotos sehr opulent. Haben Sie also bitte auch ein wenig Geduld beim Laden dieser Seite.


14 Jahre hat es gedauert, bis ich es endlich geschafft habe, den Fengari zu erklimmen. Der Fengari ist mit 1624 Metern die höchste Erhebung des Saos Gebirges. Vor 14 Jahren, es war Ende Mai, nahm mich mein Freund Horst mit auf die Tour. Ich war 35 und einigermaßen fit. Er war rund 10 Jahre älter. Ich hatte nur zwei Probleme. Ich war das erste Mal auf Samothraki und wusste nichts von einem dermaßen hohen Berg in Griechenland auf einer Insel. So hatte ich denn auch nur leichte Sandalen bei mir. Mein zweites Problem war meine Kondition. Doch der Reihe nach. Wir liefen morgens um 6:00 Uhr los. Der Einstieg in die sonst absolut undurchdringliche Macchia befindet sich bei einer alten Ruine einer Kapelle, wenn man in Therma zum Wald hochgeht.

Es geht gleich kräftig bergauf, und als wir die ersten 200 Höhenmeter hinter uns hatten, wurde mir schlecht. Mein Herz pochte in den Ohren wie verrückt und ich musste erst einmal auf die Toilette, die es in der Macchia natürlich nicht gibt. Horst sagte zu mir, ich solle mich erst einmal ausruhen, damit mein Kreislauf wieder auf normales Tempo kommt. Er ginge schon einmal weiter, um dann bei den ersten Eichen eine Stunde auf mich zu warten. Nach 15 Minuten, erleichtert und etwas erholt, lief ich langsam weiter. Immer wenn das Pochen in den Ohren lauter wurde, legte ich eine kleine Pause ein.  Es ging nur ein sehr schmaler Pfad durch die Erdbeerbaumsträucher, so dass man den Weg eigentlich nicht verfehlen konnte.

An kritischen Stellen befanden sich Steinmännchen, die einem die Sicherheit gaben, auf dem richtigen Weg zu sein. Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat, bis ich laut schnaufend an den ersten Eichen durch das dichte Unterholz brach. Jedenfalls wartete Horst dort tatsächlich und amüsierte sich etwas über mich. Nun, Horst ist ein Bodybuilding gestählter Bayer, der schon so manchen Berg erklommen hat.
Stunde um Stunde stiegen wir durch den Eichenwald höher und höher. Der Berggipfel war streckenweise, genauso wie in der Macchia, nicht zu sehen. Der Weg war steinig mit losem Schotter. Doch irgendwann lichtete sich der Wald und gab den Blick auf den Gipfel frei. Verdammt hoch noch. weiter ging es, in Schlangenlinien höher und höher. Die Wasserflasche war längst alle, und die Zunge fühlte sich trocken an.
Horst sagte, es gäbe bald eine Quelle, wo wir neues Wasser schöpfen könnten. Nach scheinbar ewiger Zeit des Aufsteigens erreichten wir die Quelle tatsächlich. Ich trank mich satt an dem eiskalten und sauberen Wasser und füllte natürlich noch meine Wasserflasche. Wie erfrischend und wohlschmeckend doch Wasser sein kann.
Nach dieser kurzen Rast ging es weiter aufwärts bis zur letzten Eiche. Leider war dort für mich der Weg zu Ende. Horst sagte mir, dass es ab jetzt nur noch ohne Gefahr mit anständigen Wanderschuhen weiter ginge. Somit war hier für mich beim ersten Mal wegen meiner Sandalen Schluss. Trotzdem hatte ich von da oben schon einen grandiosen Blick auf Therma. Ich setzte mich also brav unter einen Baum und wartete.
Nach ungefähr 2 bis 3 Stunden stand Horst wieder vor mir, und wir begannen den Abstieg. Er begann damit, dass wir vom Weg abkamen und daher fast eine Stunde verloren. Endlich fanden wir die Quelle wieder, und marschierten gleich weiter bergab. Das Gewicht von meinen 83 Kilo strapazierte meine Beinmuskeln und die Kniegelenke. Immer wieder rutschte ich auf dem Schotter aus. Inzwischen war es Nachmittag und es wurde immer wärmer, je tiefer wir kamen. Auch Horst begann zu schwitzen, denn wir hatten Jeans, langärmelige Hemden und feste Jacken an, damit wir in der Macchia nicht total zerkratzt würden. Nun zitterten die Beine, und das Wasser kochte einem im Hintern. Horsts Jacke war schon völlig durchgeschwitzt. Wenn ich jetzt gekonnt hätte, spätestens hier hätte ich aufgegeben. Doch dazu war es zu spät. Schließlich mussten wir ja wieder in Therma ankommen.
Nach rund 10 Stunden waren wir wieder in Therma und löschten den Durst mit einem großen Glas Wasser. Erschöpft war ich, die Beine wollten nicht mehr, und ich war nicht ganz zufrieden, denn ich war eben nur bis zum letzten Baum und nicht auf dem Gipfel.

Ein Jahr später versuchte ich mit meiner Frau, meinem Sohn und einem Kind von 7 Jahren das zweite Mal den Aufstieg. Doch schon in der Macchia mochte der Kleine nicht mehr. Ich kehrte mit Ihm zusammen um, und meine Frau und mein Sohn liefen weiter. Sie kamen bis zur Quelle und kehrten dann um. Ehrlich gesagt, mir war es ganz recht, dass ich das Kind zurückbringen musste, denn mir war beim Aufstieg schon wieder übel.

Mittwoch, den 29.5.2002
Es ist 6:30 Morgens und wir sind mit Heinz am Hotel Kastro in Paleopolis verabredet. Heinz ist mit einer Gruppe des Kneippvereins Stuttgart unterwegs und macht trotz seiner 64 Jahre den fittesten Eindruck aller Teilnehmer. Da wir schon einige Male mit der Gruppe gewandert sind, kennen wir uns ein wenig. Heinz war schon etliche Male auf dem Fengari. Er fragt uns, ob wir nicht mit ihm zusammen auf den Berg wollen. Doch, wir wollen, wenn wir es jetzt nicht packen, dann vielleicht nie. Bei meiner Frau Uta habe ich keine Bedenken. Sie ist zwar auch schon 65, doch schon allein durch ihr tägliches Schwimmen im Meer wesentlich besser trainiert als ich. Bei mir habe ich die Bedenken. Tägliches Sitzen vor dem Computer trägt nicht gerade zur Fitness bei. Und die Wanderung jeden Sonntag ist eben noch nicht der Fengari. Außerdem hatte ich vor 15 Jahren einen kräftigen Arthroseschub im linken Knie und ab und zu, je nach Wetter, spüre ich leichte Schmerzen in den Knien und in der Hüfte. Ich warne Uta und Heinz eindringlich, dass ich es zwar schaffen möchte, aber sie sich bitte auf mein Tempo einstellen müssten. Um 07:30 parken wir das Auto am Hotel Orpheus von Christos Boudouris am Ende von Therma direkt vor dem Wald. Es hat sich Einiges verändert. Der Weg durch die Macchia ist erheblich breiter, so dass man im T-Shirt laufen kann und die Jacke im Rucksack bleibt. Gleich zu Beginn ist deutlich sichtbar ein Schild an einem Baum "E6". Laufend sieht man Steinmännchen und mit roter Farbe eingesprühte Steine, die wirklich deutlich den Weg nach oben zeigen. Ich bestimme das Tempo. Immer wenn es zu sehr klopft in meinen Ohren, mache ich eine Pause, bis die Atmung und der Puls wieder in normalen Tempo funktionieren. Erstaunlicherweise wird mir nicht schlecht, vielleicht weil ich mich nicht überfordere. Nach nur wenigen Stunden erreichen wir den Eichenwald. Mir geht es erstaunlich gut. Heinz und Uta sowieso. Heinz füttert mich mit speziellen Energieriegeln. Zu den roten Markierungen, den Steinmännchen und den E6 Schildern kommen einige an dicke Bäume gesprühte Höhenangaben: 600 m, 800 m. Mir nehmen sie eher etwas den Mut, denn es bedeutet schließlich, dass wir gerade mal die Hälfte des Aufstiegs hinter uns haben. Endlich erreichen wir die Quelle. Wieder erfreuen wir uns an dem eiskalten Wasser, trinken uns satt und füllen unsere Wasserflaschen. Für Uta beginnt ab hier Neuland. Für mich rund eine Stunde später. Ich erkenne sogar noch die Eiche, an der ich auf den Horst vor 14 Jahren gewartet hatte.

Kurze Zeit später verstehe ich auch, warum Horst mich mit Sandalen nicht mitnehmen wollte. Der Weg wird steiniger und steiler. Aus dem Schotter werden Steine, auf denen man aufwärts balancieren muss. Leider sind nicht alle fest, einige Steine wackeln kräftig, wenn man sie betritt. Die E6 Schilder sind jetzt den rot besprühten Steinen gewichen. Für mein Empfinden sind manche Markierungen zu weit auseinander, denn oft gibt es hier oben Wolken, die das Gelände in dichten Nebel tauchen. Überhaupt ist das Klima hier völlig anders. Wir haben Sweatshirts übergezogen, da es doch erheblich kühler geworden ist. In der Macchia und im Eichenwald habe ich gerade eben noch das T-Shirt völlig durchgeschwitzt und ohne das Stirnband wäre mir der Schweiß noch mehr brennend in die Augen gelaufen. Das Stirnband habe ich an der Quelle gewaschen und feucht wieder aufgesetzt. Jetzt ist es zu kalt.
Ein kräftiger Wind hat mein T-Shirt, dass mir Uta am Rucksack befestigt hat, wieder getrocknet. Meine Pausen werden länger und die Abstände dazwischen kürzer. Doch bei jeder Rast genieße ich den tollen Blick. Wolkenfetzen fegen durch den Eichenwald herauf zum Gipfel. Immer wieder sieht es aus, als würde das Wetter umschlagen. Eben ist der Himmel dunkelgrau und vom Meer und von Therma ist nichts mehr zu sehen, 5 Minuten später sehen wir Alexandroupolis in 50 Kilometer Entfernung, und es strahlt die Sonne. Ein grandioses Schauspiel. Der Rafsie, ein griechischer Hirtenstab, der mir beim Aufstieg bis jetzt wirklich gute Dienste geleistet hat, ist jetzt eher hinderlich. Immer wieder brauche ich beide Hände, um mich über die Felsen hochzuziehen und um nicht abzurutschen. Wie soll das bloß bergab werden? Aber bis jetzt ist der Gipfel noch nicht einmal zu sehen.
Es wird immer anstrengender und immer steiler. Ohne Heinz hätte ich schon längst aufgegeben. Ich weiß schon nicht mehr, wie oft er mir gesagt hat, dass ich noch gut aussehe, dass ich gut klinge, dass ich viel weniger Probleme habe, als er dachte. Manchmal glaube ich ihm nicht so ganz, aber ohne seinen Zuspruch wäre ich wirklich bereits umgekehrt. Ich hätte schon etwas versäumt. Etliche Pausen und Wegstücke mit zehrenden Kletterpartien später.... Wir haben es tatsächlich geschafft. Wir sind auf dem Gipfel. Es ist so kalt und windig, dass Uta und ich die Wetterjacken anziehen. Der Blick auf Alonia, Kamariotissa, Akrotiri ist fantastisch. Im Hintergrund ist schwach der Berg Athos zu erkennen. Wir sind über den Wolken. Wir sind auf dem Gipfel. Schon dieses Bewusstsein, es tatsächlich geschafft zu haben, erfüllt mich mit Zufriedenheit. Im Windschatten nehmen wir Platz und schauen über das Meer. Ich kann sogar die Erdkrümmung sehen.
Wir erfreuen Heinz und uns mit einem zünftigen Picknick mit traditionellem Brot aus Hora, Käse aus dem Tyrokomio in Xiropottamus, grünen eingelegten Oliven aus Makrielies und Wasser aus der Quelle. Zum Dank für seine Geduld und seine Freundlichkeit uns mit auf den Berg mitzunehmen, hier ein Foto von ihm.
Es ist kurz vor zwei Uhr, und wir machen uns eine halbe Stunde später wieder an den Abstieg. Jetzt gibt es zwar bei mir keine Probleme mehr mit dem Kreislauf, aber dafür fangen die Beine an kraftlos zu werden. Etliche Male rutsche ich weg und lande auf dem Hintern. Heinz fragt uns, ob er schon vorgehen könne, er hätte um vier Uhr noch einen Termin in Therma. Natürlich willigen wir ein, schließlich war die Strecke ja bergauf hervorragend ausgeschildert. Der Weg durch den Eichenwald nimmt scheinbar kein Ende. Die Fußsohlen brennen wie Feuer und immer wieder rutschen die Zehen mit den Fußnägeln unsanft an die Schuhspitze. Es kommt, wie es kommen muss, nachdem schon an einigen Stellen die Wegmarkierungen erst nach längerer Ausschau zu finden waren, kommen wir an einen Abschnitt der uns sehr unbekannt vorkommt. Die roten Markierungen sind da, die Steinmännchen auch, nur das E6 Schild taucht nicht mehr auf. Dafür eine schon länger liegende tote Ziege, die auf dem Hinweg garantiert noch nicht da lag. Nach weiteren 100 Metern wissen wir es genau, wir sind falsch. Von dort ist Kato Kariotes zu sehen, wir sind also zu weit nach links abgekommen. Da wir kurz vor dem Einstieg in die Macchia sind, will Uta parallel zur Waldgrenze nach dem richtigen Weg suchen. Wir streiten uns, denn ich will lieber vorsichtshalber den Weg wieder zurück. Wir trennen uns. Nach ungefähr einer halben Stunde taucht tatsächlich ein E6 Schild auf. Vom Aufstieg her ist es gut zu erkennen, vom Abstieg gar nicht. Genau an dieser Stelle geht aber der Abzweig nach Kariotes mit den gleichen roten Markierungen und Steinmännchen. Eine böse Falle, die uns noch einmal zusätzlich eine Stunde kostet. Endlich sind wir auf dem richtigen Weg in der Macchia. Auch dieser Abschnitt scheint kein Ende nehmen zu wollen. Plötzlich kommt uns Heinz entgegen. Er hatte sich wieder aufgemacht uns zu helfen, falls etwas passiert ist. Schließlich ist es schon ganz schön spät. Gemeinsam bewältigen wir den Rest bis zum Auto. Um 19:45 Uhr zerre ich mir die Wanderschuhe von den Füßen. Schön, dass wir vom Winni, dem Leiter der Kneippgruppe, im Hotel Kastro zum Essen eingeladen sind. Doch schon um 10:30 Uhr verabschieden wir uns, denn wir sind wirklich bettreif.

Heute am Freitag, an dem ich diesen Bericht schreibe, ist der Muskelkater schon ein ganzes Stück weniger, und Uta denkt schon darüber nach, wann sie denn wieder raufgeht. Ich habe mich derweil damit beschäftigt herauszufinden, was das Schild E6 bedeutet. Es handelt sich um den Europawanderweg 6, der zur Zeit von Stockholm bis nach Samothraki verläuft. Weitere Informationen finden Sie hier:
http://www.era-ewv-ferp.org./index.php?E6

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