Samothraki
TAGWERK zu Besuch bei der Muttergöttin

Wer Griechenland aus den 70iger Jahren kennt, wird sich daran zurückerinnern, wenn er mit der Fähre in den kleinen Hafen von Kamariotissa einbiegt, der Anlaufstelle der Insel Samothraki. Alles wirkt kleinstrukturiert, selbstgemacht, zum Teil improvisiert, ein bisschen wie in einem selbst verwalteten Projekt multifunktional und abenteuerlich.

Unsere Gruppe wurde herzlich aufgenommen, fast wie Landsleute. Viele Einheimische sprechen deutsch oder haben Verwandte in Stuttgart. Unser Interesse, Problembewusstsein und Engagement und die beachtliche Kondition brachte uns von unserem Bergführer Niko den Titel als "idealen Besucher" ein. Wir fügten uns unauffällig in die Besetzung der Nachsaison des kleinen Ortes Therma (heiße Quellen) ein mit den phantasievollen Gestalten der autonomen Szene und den ländlichen Badegästen.

Improvisation und Ausdauer Was bietet diese schroffe Felseninsel, die bei der Anfahrt aus Alexandropouli aussieht wie ein lauernder Drache (Samo - thrake = der hohe Drache) und die meist mit düsteren Wolkenverhangen oder in "weißliche Luft- und Wasserwirbel" gehüllt ist. Spuren von "großem Geld" sind nicht zu entdecken, auch das Archäologische Museum und die Antiken Plätze haben in den letzten Jahrzehnten keine größere Investition erhalten. Jeder scheint mehrere Berufe zu haben. Der Kapitän des Ausflugsschiffs, mit welchem wir eine spannende Inselrundfahrt gemacht haben, betreibt auch den Radiosender der Insel, die vielbeachtete Internetseite der Insel gestaltet ein Einwanderer aus Deutschland in seiner Freizeit, der Museumswärter versorgt nach Dienstschluss seine Ziegenherde.

Die Insel der Großen Götter Das Schild gibt an: hier geht's zum "Heiligtum der Großen Götter", nicht etwa zu den "Archäologischen Ausgrabungen", so als wären die Tempel noch in Aktion. Die Entdeckungen, die eine amerikanische Stiftung in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts unter Leitung von Karl Lehman gemacht haben, sind tatsächlich sehr aufsehend erregend. Aus der archaischen "Altstadt" stammt auch die überlebensgroße Marmorstatue der Siegesgöttin "Nike", die sich im Louvre Paris befindet.

Samothraki galt im Altertum als das wichtigste religiöse Zentrum, dessen höchste Entfaltung von 700 vor Chr. bis 300 nach Chr. - also ein ganzes Jahrtausend - gedauert hat. Es wurden hier die "großen Götter" oder auch "Kabiren" genannt, verehrt mit einer Mysterienfeier. Die Gottheiten haben sich entwickelt aus dem Urbild der großen Muttergöttin ( Kybele, Astarte, Hekate), die noch die Ganzheit der beiden Geschlechter- also die Fähigkeit der Zeugung und des Gebärens besaß und zu deren Verehrung Kultplätze aus prähistorischer Zeit in Felsenhöhlen gefunden worden sind. In der klassischen Epoche wurden die Gottheiten mit Demeter, Aphrodite, Artemis, Hermes und Hades identifiziert.

Initiation und Opfersteine Die Mysterien der klassischen und der hellenistischen Zeit darf man sich vorstellen, als sommerliche Großveranstaltung mit einem vielfältigen Angebot an Meditation, Selbsterfahrung (Orakel), liturgischen Feiern, Opfern, und Ritualen. Reiche, Mächtige und arme einfache Bürger sogar Sklaven durften teilnehmen ( im Gegensatz zu den elitären Mysterien von Eleusis oder dem Orakel von Delfi). Niemand jedoch durfte nach draußen über den Ablauf der Initiationsrituale berichten. Es galt als Statussymbol der damaligen Führungsschicht rund um das Mittelmeer, "Eingeweihter" in die Religion der "großen Götter" zu sein. Interessant ist auch, dass Aristoteles, der viele Jahre lang mit seinem Zögling Alexander (dem späteren "Großen") die Mysterien besucht hatte, eine Studie geschrieben hat über den " Staat der Samothraker", der äußerst demokratisch und flexibel in bezug auf Integration von Fremdeinflüssen gewesen sein soll.

Natur elementar Als Antwort auf die Frage, warum die Menschen bereits seit vorgeschichtlicher Zeit der Insel eine so herausragende Bedeutung gegeben haben, wird die Großartigkeit der Natur angeführt. Tatsächlich, auf nur 180 qkm Gesamtfläche befindet sich die höchste Erhebung der Ägäis mit 1624 m (Gipfel des Fengari), ungewöhnlich viele sprudelnde Gebirgsbäche neben heißen Quellen, einmalige Eichenwälder bis hinauf zur Baumgrenze und märchenhafte Platanen-Gestalten mit ihren Wurzeln an mächtige Steinblöcke gekrallt. Es ist ein besonderes Erlebnis, die Schlucht des Phonias hinaufzusteigen mit den malerischen Wasserfällen und ein Bad in den schwarzgrünen, düster bedrohlichen Gumpen zu nehmen.

Die diesjährige TAGWERK Reise hatte als besondere "high lights" zwei geführte Wanderungen in das unwegsame Hochland zu den Ausblicks-"balkons". Von einer schroffen, zackigen Felslandschaft gleitet der Blick hinab auf den Küstensaum und auf die Weite des Meeres bis zu den Inseln (Imros, Limnos). Archäologen haben dort oben archaische Kultplätze entdeckt und Homer berichtet von Poseidon, der von diesen Höhen aus die Schlacht um Troja beobachtet haben soll.

Ziegen, Ziegen. Ständige Begleiter auf allen Wanderungen sind die freilaufenden Ziegen. Seit 1821 -als die Bevölkerung durch die Türken ausgerottet worden war (Massaker zu Beginn der Freiheitskriege)- waren die wilden Ziegen 100 Jahre lang die einzigen Bewohner der Insel. Heute sind sie überall verbreitet bis in die Felsenregionen. Sie bewegen sich absolut angepasst, geschickt, frech und genügsam. Genau diese Eigenschaften sind aber auch das Problem. Sie fressen nämlich alles, was wachsen sollte, bis auf die Wurzeln ab. Das betrifft hauptsächlich die jüngeren Bäumchen, Büsche und Stauden vor allem die kriechenden Zedern und die Erdbeerbäume. Die Folge ist eine verheerende Erosion der fruchtbaren Erde. Gräser und die vielfältige Kräuterdecke verschwinden bis zuletzt gespenstische Baumruinen auf den kahlen Geröllfeldern übrigbleiben.

Es besteht akuter Handlungsbedarf, eine Initiative sollte gegründet werden, um die Tendenz zur Verwüstung zu stoppen. Dabei muss einbezogen werden, dass die Ziegen eine gute Einnahmequelle sind für einheimische Bevölkerung. Sie werden pro Tier subventioniert und somit ist ihre weitere Vermehrung vorprogrammiert. Der leckere Ziegenbraten am Spieß gegrillt ist zwar eine der besonderen Attraktionen, dafür darf aber nicht der Rest der biologischen Vielfalt geopfert werden.

Von der Anhöhe des Dorfes Profitis Ilias betrachteten wir die untergehende Sonne. Die Spitze des Berges Athos ragte aus der Dunstschicht heraus. Der heilige Berg der Orthodoxie, der Staat der Mönche grüßt herüber zum heiligen Berg der weiblichen Erdgöttin und der geflügelten Nike - ein anregendes Bild - es darf selbst interpretiert werden.

Paula Meier, Neohori (Griechenland), im Oktober 2003

Mit freundlicher Genehmigung von Tagwerk


Achtung! Wenn Sie auf der linken Seite Ihres Bildschirms keine Steuerungsmöglichkeit sehen, z.B. weil Sie von einer Suchmaschine auf diese Seite gekommen sind, dann befinden Sie sich in der Ganzseitenansicht. Bei einer Bildschirmeinstellung von 800 x 600 Pixeln ist das die beste Darstellung. Benutzen Sie bitte die Links auf dieser Seite.
Die optimale Darstellung und einfachste Auswahl erhalten Sie aber in unserer Frameansicht, welche Sie durch anklicken des Links Frameansicht nachladen auswählen können. Sie können sich dann viel einfacher durch unsere weiteren 120 Seiten manövrieren. Die Frameansicht ist aber nur optimal, wenn Sie eine Bildschirmauflösung von mindestens 1024 x 768 Pixel, Frames und zusätzlich Javaunterstützung an Ihrem Browser eingestellt haben. Die besten Ergebnisse bekommen sie übrigens mit dem Microsoft Internet Explorer ab Version 4. Sollten Sie die Frameansicht nachgeladen haben, obwohl Sie sich bereits in der Frameansicht befanden, klicken Sie bitte dreimal auf "Zurück" in Ihrem Internetbrowser.

Zurück zur deutschen Anfangsseite

Zurück zur Anfangsseite

© IPS-Team

letzte Änderung: