Verwunschene Wälder, sprudelnde Bäche und Wunder bewirkende Schwefelquellen

Samothraki – wo die Hippies Urlaub machen

HoraMagie umweht die Insel im äußersten
Nordosten der Ägäis.
Samothraki ist kein typisches Urlaubsziel
und gerade deshalb eine Reise wert.

Von Alexander Jossifidis

Der Musikant ist zu hören, bevor man ihn sieht. Sein Dudelsackspiel klingt nach Mittelalter. Bei geschlossenen Augen produziert das Gehirn Bilder von osmanischen Bazaren und verwegenen Gestalten. Bei geöffneten Augen steht man am Hafenbecken von Alexandroupolis. Endlich ist der Musikant ausgemacht. Es ist ein junger barfüßiger Mann, der vor der einzigen Fähre steht, die das Festland mit Samothraki verbindet. Die Saos II bringt auffallend viele junge Menschen mit Dreadlocks und bunten Stoffkleidern auf die Insel. Gitarren werden gestimmt. Französisch, Italienisch und Griechisch wird gesprochen. Hippies, die heute selten das Straßenbild bestimmen, scheinen auf Samothraki ein Refugium gefunden zu haben. Nach wenigen Seemeilen erscheint der majestätische Mondberg im rötlichen Schimmer der Abendsonne. Ein Koloss von einem Berg, der mit seinen über 1.600 Metern das flächenmäßig kleine Samothraki dominiert. Ihn umgibt eine magische Aura. Verwunschene Wälder, sprudelnde Bäche und nach Auskunft von Einheimischen Wunder bewirkende Schwefelquellen finden sich an seinen Hängen. Dieses Ambiente schätzen vor allem alternativ eingestellte Touristen.

Insel der Großen Götter

Während der Antike kamen die Menschen ebenfalls auf die Insel, um das Magische zu spüren. Damals suchten sie den direkten Kontakt zu den Göttern. Dabei entstand ein geheimnisumwittertes Heiligtum. Zeremonien fanden ausschließlich in finsterer Nacht statt. Über das Erlebte sollte Stillschweigen bewahrt werden. Zunächst waren es vorgriechische Gottheiten mit absonderlich klingenden Namen, denen thrakische Stämme huldigten. Mit der Ankunft griechischer Siedler und der Verschmelzung griechischer und thrakischer Kultur bekamen die Gottheiten allmählich griechische Namen. Einer von ihnen, Poseidon, soll während der Kämpfe um Troja den Mondberg als Aussichtsposten bezogen haben. Noch heute wird auf dem riesigen Gelände des einstigen Heiligtums gegraben. US-amerikanische Archäologen sind bei ihrer Arbeit so gut wie alleine. Es gibt keine Buskolonnen, die fotografierwütige Touristen ausspucken und auch keine Budenreihen mit kitschigen Souvenirs. Während der Antike herrschte im Tempelbezirk weitaus mehr Remmidemmi als heute. Bei einem Spaziergang über uralte Straßen beschleicht einen die Ahnung, wie vor über 2.000 Jahren Menschen aus allen Teilen der griechischen Welt zum Heiligtum pilgerten. Beladen mit Wünschen und Hoffnungen. Feiernd und Andenken kaufend, sobald die geheimnisumrankten Zeremonien abgeschlossen waren. Bekanntestes Zeugnis dieser Zeit ist die Nike von Samothraki. Dankbare Bewohner der Insel Rhodos schenkten sie dem Heiligtum. Es ist eine beinahe drei Meter hohe Statue und heute ein Highlight des Pariser Louvre. Eine Gipskopie befindet sich versteckt in einer Saalecke des Archäologischen Museums am Rande des Ausgrabungsfeldes.

Heiligtum der großen Götter Fonias

Baden im Mörderbach

Wenige Kilometer von der Ausgrabungsstätte entfernt lohnen vor allem Wanderungen entlang des so genannten Mörderbaches. Teilweise besitzen Passagen einen hohen Schwierigkeitsgrad. Vorsicht ist also geboten. Der Bach trägt nicht ohhne Grund diesen wenig schmeichelhaften Namen. Belohnt wird man jedoch von einer beinahe unberührten Landschaft. Knorrige alte Platanen, einige von Blitzen getroffen und deformiert, lassen einen Märchenwald entstehen. Libellen huschen übers Wasser. Frösche und Eidechsen sind ständige Begleiter. Erfrischungen bieten von Wasserfällen gespeiste natürliche Wasserbassins. Sie sind so tief, dass der Grund nicht zu erkennen ist. Hier zu baden ist ein eiskaltes und etwas unheimliches Vergnügen. Würden in diesem Ambiente plötzlich Elfen oder der Hirtengott Pan auftauchen, man wäre nicht unbedingt überrascht. Doch es sind zumeist junge Hippies, die sich ebenfalls erfrischen oder selbst gefertigten Schmuck zum Verkauf anbieten.

Das dörfliche Leben

HoraViele trifft man später in Loutra wieder. Einem kleinen Ort, der für seine Schwefelquellen bekannt ist. Gesunde Menschen sollen hier auf keinen Fall kuren, denn der Legende nach würden sie krank. Hinweistafeln benennen aufspielende Musikgruppen. Es sind zumeist Sounds Jamaikas, die das Programm bestimmen. Etwas griechischer geht es in der alten Hauptstadt Chora zu. Vielleicht der schönste Ort der Insel. Er liegt versteckt im gebirgigen Hinterland und bot den Bewohnern einstmals Schutz vor Piratenüberfällen. Teile einer Festungsanlage, die eine genuesische Adelsfamilie im 14. Jahrhundert hinterlassen hat, sind noch auszumachen. Was früher ein Standortvorteil war, ist heute ein Nachteil. Die abseitige Lage führte dazu, dass immer mehr Hauptstadtfunktion auf den Hafen Kamariotissa übergeht. Auf dem lang gezogenen Dorfplatz von Kamariotissa, der zum offenen Meer zeigt, spielen Kinder in den Trikots europäischer Spitzenmannschaften Fußball. Die Tische der Restaurants und Cafés sind gut besucht. Gespräche mit den Einheimischen können vielfach auf Deutsch geführt werden. So ist zu erfahren, dass es mehr Einwohner Samothrakis in Stuttgart gäbe als auf der Insel selbst. Während der kurzweiligen Unterhaltungen versinkt die Sonne allmählich glutrot im Meer. Der Sommer lag bei meinem Aufenthalt in seinen letzten Zügen. Melancholie umweht die Szenerie. Samothraki ist wahrlich kein typisches Reiseziel, aber die Reise in den äußersten Nordosten der Ägäis lohnt sich gerade deshalb. 

Griechenlandzeitung
Dieser Reisebericht ist am 09.Oktober 2013 in der Griechenlandzeitung erschienen. Die Veröffentlichung auf www.samothraki.com erfolgt mit Genehmigung des Verlages.


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